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Denkmal für NS-Opfer in Polen

Warum die Verengung auf einen einzigen Erinnerungsort für alle Opfer des „Vernichtungskrieges im Osten“ die Gefahr in sich birgt, einer differenzierten Gedenkkultur nicht gerecht zu werden - von Dietmar Nietan, MdB, 30.09.2019

Viele Kritiker*innen der Initiative für einen Gedenkort der polnischen Opfer der deutschen Besatzung und des NS-Unrechts zwischen 1939 und 1945 führen als eines ihrer „Hauptargumente“ ins Feld, dass man nicht die Büchse der Pandora öffnen dürfe, indem man einem nach Nationalitäten getrennten Gedenken den Weg bahnt.

Dabei fordert niemand ein strikt nach Nationalitäten getrenntes Gedenken, sondern ein differenziertes Gedenken, welches verhindern soll, dass maßgebliche Unterscheidungen bei einem „übergeordneten Gedenkkonzept“ unter die Räder geraten.

Dies wäre z.B. der Fall, wenn bei einem Erinnerungsort für alle Opfer des „Vernichtungskrieges im Osten“ genau dieser Osten und all seine Völker und Nationen in ihrer Leidensgeschichte als „Einheit“ betrachtet würden. Es kann im Gedenken nicht um geografische Einordnungen gehen.

Schließlich sehen die Geschichten der jeweiligen Länder sehr unterschiedlich aus. Die Beibehaltung der nationalen Identität war gerade für das lange Zeit von fremden Mächten beherrschte Polen eines der zentralsten Anliegen, für das viele Opfer gebracht wurden. Das können wir nicht außer Acht lassen, wenn wir einen Ort schaffen wollen, in dem Polinnen und Polen sich wiederfinden sollen.

Polen war nicht zufällig das erste Opfer des nationalsozialistischen rassistischen Angriffskrieges. Es wurde in einem grausam geführten Feldzug erobert, um die polnische Nation im Sinne der faschistischen Ideologie als „minderwertiges slawisches Volk“ zu unterwerfen und den polnischen Staat, den in Deutschland viele als „Saisonstaat“ schmähten, auszulöschen. So wurden Angehörige der polnischen Elite zu Zehntausenden systematisch ermordet. Dementsprechend grausam war die deutsche Besatzungspolitik, die die im NS-Weltbild als „rassisch minderwertig“ kategorisierten Polen terrorisierte und ausbeutete. Polen wurde durch die dort errichteten deutschen Vernichtungslager der Hauptschauplatz des Holocaust, die polnische Bevölkerung jüdischen Glaubens fast vollständig ausgelöscht.

Ein weiterer Aspekt, der gegen das Konzept eines einzigen Gedenkortes für die Opfer des deutschen „Vernichtungskrieges im Osten“ spricht, spiegelt sich im damaligen Leid der polnischen Nation geradezu exemplarisch wieder:

Die später zu „Brudervölkern“ deklarierten Völker im östlichen Europa haben einander auch während des Zweiten Weltkrieges gegenseitig große Verletzungen zugefügt und sehen bis heute diesen Krieg in der Geschichtsschreibung durchaus sehr unterschiedlich. Umso wünschenswerter wäre es, zu einer komplexen, verschiedene Perspektiven beachtende Geschichtsbetrachtung zu kommen.

Angesichts des Hitler-Stalin-Paktes und der sowjetischen Verbrechen im dadurch geteilten Polen, wäre es für die heute lebenden Nachfahren der polnischen Opfer ein Schlag ins Gesicht, undifferenziert neben der Sowjetunion in der Liste der Opfer des „Vernichtungskrieges im Osten“ aufgelistet zu werden.

Das Gedenken an den Holocaust als präzedenzloses Menschheitsverbrechen darf durch einen Gedenkort für die polnischen NS-Opfer selbstverständlich nicht relativiert werden. Es geht auch nicht darum, polnischen Opfern einen höheren Stellenwert zuzumessen als russischen, ukrainischen oder anderen Opfern. Jedes Kriegsopfer ist ein Opfer, welchem in seiner Menschlichkeit die gleiche Würde zukommt. Wir können nur fassungslos vor der millionenfachen Tragödie so vieler jäh abgerissener Lebensgeschichten stehen.

Aber gerade deshalb gebührt jedem damals vom deutschen Angriffskrieg betroffenen Land ein differenzierter Blick. Diesen Blick auf Polen haben wir lange nicht getan, obwohl es unser Nachbarland und enger Partner ist, mit dem wir eine fast wundersame Versöhnung erleben durften und mit dem wir heute in enger Verflechtung leben.

Deshalb darf die Debatte um das Gedenken an die polnischen Opfer auch nicht auf den Begriff „Polendenkmal“ verkürzt werden. Gedenken setzt Wissen voraus. Deshalb ist die Verbindung mit einem Ort des Lernens und der Begegnung unerlässlich.

Gedenken ohne ethnische Grenzen - von Dr. Kristina Meyer, 23.9.2019

Die vielstimmige Debatte um ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen zwischen 1939 und 1945 hat inzwischen an Differenziertheit gewonnen: Klar ist, dass es den Initiator*innen nicht nur um die „ethnischen“ Polen geht, sondern um ein Andenken an die Gesamtheit der damals auf polnischem Boden lebenden Menschen, darunter allein drei Millionen polnische Jüdinnen und Juden, aber auch Angehörige anderer Minderheiten. Auch wenn damit gewährleistet wäre, dass hier kein Gedenken entlang ethnischer Grenzen befördert wird, gibt es dennoch viele Gründe, die gegen ein solches „Einzelprojekt“ sprechen: Noch viel zu wenig ist in der deutschen Gesellschaft darüber bekannt, welche Verbrechen die Nationalsozialisten auf ihrem Vernichtungsfeldzug durch ganz Europa begangen haben. Auch wenn der Fall Polen zur Zeit berechtigterweise besonders herausgestellt wird, da die dort verübten Massenverbrechen bald danach von Verbrechen noch viel größeren Ausmaßes in den Schatten gestellt und vielfach vergessen wurden, so erscheint ein lediglich für Polen errichtetes Denkmal dennoch nicht als ausreichende Antwort – weder auf der Ebene des symbolischen Gedenkens und der Anerkennung, noch auf der Ebene der politisch-historischen Bildung. Um die von der Geschichtswissenschaft erbrachten Erkenntnisse über den deutschen Vernichtungskrieg in die Gesellschaft hinein zu vermitteln – und nur auf diesem Weg lässt sich auch Geschichtsbewusstsein und mithin mehr Anerkennung für die Opfer erreichen –, braucht es ein Dokumentationszentrum, das nicht nur über den in Auftakt zum Vernichtungskrieg in Polen, sondern über die verschiedenen dann folgenden Etappen und Taträume nationalsozialistischer Kriegsverbrechen in ganz Europa informiert und dies architektonisch mit Orten des Gedenkens im Außenbereich verbindet. Das Gelände des ehemaligen Anhalter Bahnhofs bietet ausreichend Platz für einen Museumsbau und dazugehörige Gedenkorte. Ließe sich für Letztere ein innovatives Konzept entwickeln, das den Nachkommen der Opfer verschiedener Herkunft ein ihnen angemessenes und würdiges Erinnern ermöglicht, ohne einer Nationalisierung des Gedenkens Vorschub zu leisten, wäre viel gewonnen.

Brauchen wir ein Denkmal für die weißrussischen und die griechischen NS-Opfer? - von Dr. Bernd Rother, 4.9.2019

Nein, dieser Beitrag ist nicht in die falsche Rubrik gerutscht. Es geht auch mir um das sogenannte "Polendenkmal", um die Debatte über das Für und Wider eines Denkmals in Berlin für die polnischen Opfer des Nationalsozialismus. Eine Entscheidung scheint kurz bevor zu stehen und zahlreiche Autorinnen und Autoren haben sich bereits zu Wort gemeldet. Die gegensätzlichen Standpunkte sind im Grundsatz klar umrissen. Die Befürworter fordern ein Denkmal als "Ausdruck der deutschen Schuld und des Mitgefühls für die Opfer"; sie verweisen auf "den einzigartigen Charakter der deutsch-polnischen Nachbarschaft" (Florian Mausbach). Die Kritiker befürchten, dass demnächst Nation um Nation ein eigenes Denkmal in Berlin für ihre NS-Opfer fordern wird. Es fällt auf, dass unter Politikerinnen und Politikern die Befürworter in der Mehrheit sind, während es bei den Historikerinnen und Historikern eher umgekehrt aussieht. Das heißt natürlich nicht, dass die Kritiker die besseren Argumente hätten. Nicht besser oder schlechter, aber unterschiedlich sind sie schon. Geht es im politischen Raum mehr um moralische Verpflichtung und Schuldanerkenntnis, legen die Stimmen aus der Wissenschaft ein stärkeres Gewicht auf die historische Aufklärung. Polen war das erste Opfer des von Hitler entfesselten Zweiten Weltkriegs. Der deutsche Terror dort trug genozidale Züge. War das in den ukrainischen, in den weißrussischen oder in den russischen Teilen der Sowjetunion so gänzlich anders? Für Westeuropa kann bei allem Terror sicherlich nicht von einem Genozid an dem nichtjüdischen Teil der Bevölkerung gesprochen werden. Aber rechtfertigt das, den griechischen Opfern der nationalsozialistischen Ausplünderung und Aushungerung des Landes kein Denkmal zu setzen? Wäre ein Denkmal für Oradour, Lidice und all die anderen von den Nazis ausgetilgten Orte nicht ebenfalls angemessen? Müsste Deutschland nicht auch den europäischen Widerstandsbewegungen ein Denkmal setzen, um deren Anteil an der Befreiung, zu der das deutsche Volk selbst nicht willens war, zu ehren? Diese Fragen gehören erwogen, bevor eine Entscheidung getroffen wird.

Statement von MdB Marianne Schieder zur Diskussion um ein „Polen-Denkmal“ 18.9.2019

Die Zahlen erschrecken mich jedes Mal aufs Neue: Mindestens 4,4 bis 6 Millionen Menschen in Polen, allein 1 Million bei der Blockade Leningrads und weitere 3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene fielen den Nationalsozialisten zum Opfer. Durch den kompletten Osten Europas zieht sich ihre Blutspur. Dennoch ist dieser grausame NS-Vernichtungskrieg in der deutschen Gesellschaft heute kaum präsent. Es muss uns daher eine Verpflichtung sein, eine würdige Aufarbeitung des Schicksals der mittel- und osteuropäischen Opfer im Dialog mit den osteuropäischen Nachbarn sicherzustellen.

Ich plädiere dafür, sich bei der laufenden Diskussion die Erfahrungen der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu Nutze zu machen. Von diesem wissen wir, dass der „Ort der Information“, also die Ausstellungs- und Diskussionsräume unterhalb des Denkmals, erst die Geschichten der Opfer erzählt und Besucherinnen und Besuchern die Zusammenhänge verdeutlicht. Das ist heute umso wichtiger, wenn der Kontakt zu Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und Erzählungen aus der eigenen Familie über die Zeit des Nationalsozialismus immer weniger werden.

In ähnlicher Weise könnte eine Lern- und Erinnerungsstätte der Opfer des NS-Vernichtungskrieges gedenken. Sie könnte die rassistische Ideologie und das immer radikalere Vorgehen der Nationalsozialisten ausführlich darstellen. Die gemeinsame Erarbeitung einer Ausstellung mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den betroffenen Staaten ließe Raum für unterschiedliche Perspektiven auf das Geschehene und eröffnete gleichzeitig Wege zum gegenseitigen Austausch und der Versöhnung.

Denn dies sollte meines Erachten unser Ziel sein: Aller Opfer der Nationalsozialisten zu gedenken – egal ob Jüdin polnischer Nationalität oder sowjetischer Kriegsgefangener – und im Wissen um die Grausamkeit und durch länderübergreifende Zusammenarbeit dafür sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.